Eine Welt Laden
Archiv

Bericht der Arztfamilie Teigeler von ihrem Einsatz.

Frau Dr. Teigeler schreibt:

Aktualisiert:
14.12.2009

Bericht über unseren Einsatz auf den Philippinen mit der Organisation:
“Ärzte für die Dritte Welt“


Paradies oder Hölle

Kürzlich erschien in der „Zeit“ ein Artikel über die Mangyans auf der Insel Mindoro. Sie wurden als die friedlichsten Menschen auf der Erde beschrieben. Erst dadurch kam mir ins Bewusstsein, dass wir dort unter unseren Patienten tatsächlich nie ein Opfer einer gewalttätigen Auseinandersetzung hatten: kein Opfer einer Schlägerei oder eines Überfalls. Und das, obschon schon 3 jährige Kinder selbstverständlich ein Buschmesser tragen. Schön, bei den friedlichsten Menschen der Erde gearbeitet zu haben!

Von Anfang September bis Mitte Oktober waren mein Mann und ich wieder einmal mit der Organisation „Ärzte für die Dritte Welt „ auf den Philippinen und arbeiteten auf der Insel Mindoro bei den Mangyans. Die Insel liegt eine Stunde mit dem Schnellboot von der Hauptstadt der Philippinen, Manila, entfernt. Die touristisch attraktive Küste und die fruchtbaren Ländereien im Tiefland gehören den Philippinos, die vor Zeiten die Ureinwohner, die Mangyans in die Bergwälder des Inlands vertrieben haben.
Auch heute besteht ein großer Unterschied zwischen Mangyans und Philippinos, der nur an wenigen Orten durch Zusammenleben und Einheiraten verwischt wird.
Die Philippinos wohnen in Steinhäusern, sind von Sprache und Kultur amerikanisch geprägt und von der Religion christlich. Die Mangyans wohnen in leichten Bambushäusern auf Stelzen, haben andere Sprache und Schrift und leben in Naturreligionen. Sie leben in Streusiedlungen in den Bergwäldern von Köhlerei und Kokosnüssen, Bananen und betreiben Landwirtschaft. Weder zum philippinischen Gesundheits- noch zum Bildungssystem haben sie Zugang.

Steyler Missionare haben in den Dörfern Schulen gebaut, Lehrer ausgebildet und ermöglichen den Kindern den Besuch weiterführender Schulen und Ausbildungs möglichkeiten in den philippinischen Städten an der Küste. Sie haben auch „unsere“ Organisation auf die Insel geholt, um eine medizinische Basisversorgung für die Mangyans aufzubauen.
So wohnen wir dort zusammen mit philippinischen und mangyanischen Mitarbeitern in der Hafenstadt und fahren jeden Tag mit einem Allradfahrzeug, bepackt mit Medikamenten und Impfstoff zu den verschiedenen Dörfern der Mangyans.
In den Dörfern haben wir schon ausgebildete Helfer, die Langzeitpatienten betreuen können. Man braucht ein allradgetriebenes Fahrzeug, denn abseits der Küstenstrasse gibt es nur Pfade und Flussläufe als Wege zu den Siedlungen in den Bergen.

Die Gegend ist paradiesisch schön mit den tropischen Wäldern und es macht Freude, in einem Dorf einen Bambusunterstand in ein Sprechzimmer zu verwandeln und die von weit zu Fuß angekommenen freundlichen Menschen zu behandeln.
Ihr Leben ist allerdings keineswegs paradiesisch: Von dem, was sie auf ihren kleinen Äckern anbauen, können sie sich zwar ernähren. Aber alles, was man kaufen muss, ist sehr schwer erreichbar: Holzkohle und Kokosnüsse und Bananen müssen kilometerweit barfuss über steile steinige Pfade geschleppt werden, bis man den nächsten Marktflecken erreicht, bis zu dem Fahrzeuge kommen können. Dort kann man die Dinge dann an die Händler verkaufen, die allerdings ihrerseits den Preis diktieren können- denn die Mangyans haben ja keine Alternative zum Verkauf.

Jeden Tag besuchen wir ein anderes Dorf nach einem festen Zeitraster; manchmal übernachten wir auch unterwegs, wenn die Rückfahrt zu unserem Stützpunkt zu lange dauern würde und wir genug Medikamente dabei haben. Auch sind nicht alle Dörfer für unser Auto erreichbar und mitunter müssen wir ein Stück zu Fuß gehen über eine Hängebrücke oder einen zu steilen Pfad hinauf und unsere Sachen schleppt ein Wasserbüffel auf einem Schlitten. Diesen gutmütigen, starken Tieren ist kein Ort unerreichbar.
Die Mangyans haben sich an die deutschen Ärzte gewöhnt- dennoch können wir ihnen nur begrenzt helfen. Noch immer ist die Sterblichkeit der Mütter unter der Geburt und die der kleinen Kinder sehr hoch und es wird lange dauern, bis es für sie selbstverständlich geworden ist, bei Gefahr ihre Dörfer zu verlassen und den weiten Weg ins Krankenhaus in der Stadt in die speziell für sie eingerichtete und auf ihre kulturellen Bedürfnisse zugeschnittene Station zu wagen- aber ein Anfang ist gemacht.


Salzkotten, 03.11.09 Dr.Waltraud Teigeler